Featured Posts

Comic-Review: Brian Fies - Whatever Happened to the... Ich habe in letzter Zeit nur sehr wenige Comics gelesen, und diese nur sehr halbherzig. Dann entdeckte ich bei Grober Unfug, ohnehin ein fantastischer Comic-Laden, Whatever Happened to the World of Tomorrow....

Readmore

A Serious Man - Review Es gibt eine Szene in A Serious Man, in der die Coen-Brüder kurz ihre Ironie ablegen. In der wir wirklich mit der Hauptfigur Larry Gropnik mitfühlen können. Wenn er seinen Bruder trösten muss, der...

Readmore

  • Prev
  • Next

Dickes B, viel dahinter

Posted on : 09-11-2009 | By : Lordfoltermord | In : Uncategorized

Tags: , , ,

1

Hui, Gastbeitragswoche bei Herrn Lehmann und ich darf ebenfalls gastbeitragen. Mein erstes literarisches Fremdgehen, was also passt besser als über eine just erlebte Fremdgehsituation zu berichten…

Es handelt sich aber nicht um Fremdgehen in der Partnerschaft, sondern um ein geografisches Fremdgehen im wörtlichen Sinne, nämlich das heimatliche Frankfurt am Main für ein paar Tage mit Berlin zu ersetzen. Berlin, im November 2009, da gäbe es mehr zu berichten, als es einem gefälligst überschaubar zu haltenden Gastbeitrag zustünde. Dennoch haben sich einige Eindrücke festgesetzt:

Kleine Kinder oder Hunde sind oft bemüht, auftauchendem Besuch zeigen zu wollen, was sie alles haben oder können. Das große Berlin ist ja auch erst vor kurzem volljährig geworden und so vermute ich mal, dass es noch ein Rest kindliches Verhalten war, dass Berlin dazu veranlasste, mir von Beginn an zeigen zu wollen, was es alles für Wetter kann. Oh, und es kann viel verschiedenes Wetter. Direkt zu meiner Ankunft mit Sack und Pack und mich etwas ziellos von der U-Bahn zu meiner geplanten Unterkunft herumeiernd findend begann es mit Schnürlregen, direkt gefolgt von Schneefall. Der nächste zu erwerbende Koffer wird auf jeden Fall aus wasserabweisendem Außenmaterial sein. In den nächsten Tagen kamen noch Schauer, einbrechende Kälte, aber auch fast ein ganzer Tag Sonnenschein hinzu. Ja, Berlin, Du kannst es und danke dafür, dass Du Wirbelsturm und tropische Hitze ausgelassen hast.

Der Berliner scheint in diesen Novembertagen vielfach zwischen linder Depression und vergangenheitsseliger Euphorie zu schwanken. Einesteils die üble Situation der Hertha, von Urberlinern momentan gerne „Hertasmania“ genannt. Letzter Tabellenplatz, es riecht sehr nach Abstieg, da nützt auch der Literaturnobelpreis für Hertha nix, für den kleinen Mann ist wichtig, wie es aufm Platz läuft. Dann vielleicht nächste Saisong mit Union in Liga Eins…

Andererseits aber natürlich allerorten Rückblicke in die jüngere Vergangenheit. Wildfremde Menschen klopfen einem an  der S-Bahn-Station auf die Schulter und euphorisieren einem mit einem „Mensch, Alta, zwanzisch Jahre Mauerfall, dit war DIE Stunde damals, wa?“ von der Seite an. Seit 20 Jahren fällt hier also die Mauer. Mir als Touristen fällt dies rumpelnde Dauergeräusch schon noch etwas unangenehm auf, der Berliner hat sich schon lange daran gewöhnt und hört es anscheinend gar nicht mehr. Mein persönliches Ost-West-Erlebnis hatte ich bei einem Fußmarsch von Kreuzberg nach Friedrichshain, den aber merkwürdigerweise kein Kamerateam begleitete, obwohl ich unablässig alles, was mir durch den Kopf ging, vor mich hinbrabbelte.

Die Buntheit dessen, was sich so alles auf Berlins Straßen herumtreibt, ist gottseidank nach wie vor gegeben. Ich hatte schon befürchtet, ständig nur auf radfahrende Mittebewohner mit schicken Schals zu treffen. Exemplarisch für die Buntheit ein Dialog zweier vor mir laufender älterer Menschen; ich bin mir nicht sicher, ob es sich um Frau und Mann oder Mutter und Sohn handelte:

„Wo is denn nu dein Dokter?

„Na, hier“

„Hier is aber weit und breit keen Dokter“

„Aber hier war ich doch schon beim Dokter“

„Wenn Du noch nichma weißt, wo Dein Dokter ist, dann tuste mir escht leid“

So ganz konnte ich mich dem touristischen Verhalten auch nicht entziehen, Zwar hatte ich auf den Besuch der EMAs verzichtet, Beyonce und Shakira besuchen mich ja schließlich auch nicht. Am frühen Donnerstag abend war ich jedoch am Brandenburger Tor – wie einige hundert Dutzend Andere auch – in der Hoffnung, ein freilebendes Bono in seinem üblichen Jagdrevier beobachten zu können. Nette Idee, übrigens, 20 Jahre danach wieder eine Absperrung um den Pariser Platz aufzubauen. Schon schwer symbolisch. Ich war zu früh, es nieselte immer wieder, dazu gesellte sich eine halbe Stunde Verspätung, das alles stimmt einen nicht eben froher. Wenn dann aber doch unvermittelt die magischen Worte „Is it getting better / or do you feel the same / will it make it easier on you / now you’ve got someone to blame“ erklangen, war in der vorher erwartungsvoll gespannten Menschenmenge ein deutliches Knistern zu vernehmen, soviele Gänsehäute stellten sich auf.

Später kam dann auch noch Beyonces Alter mit auf die Bühne und verrappte den blutigen Sonntag.

Ach ja, man kommt ins Plaudern hier, aber ich will nicht zu ausschweifend werden. Ich habe einige Mal lecker gegessen und zwei in jeglicher Hinsicht äußerst angenehme Menschinnen im Reallife kennengelernt, die vorher nur in meiner Blogroll vorkamen. Und wenn ihr mal in der Reichenberger Straße in Xberg seid, dann schaut doch mal bei einem Laden rein, der wie einer der erfolgreichsten Morrissey-Songs heißt. Dort gibt es ausgewählte Bioprodukte, vor allem Bekleidung, die einem Hautausschlag erspart.

Zum Schluss muss ich mir selbst noch ein wenig auf die Schulter klopfen, denn ich habe es während meines gesamten Aufenthaltes unter Aufbringung jeglicher vorhandener Disziplin vermieden, amateurhaft herumzuberlinern, obwohl ich grundsätzlich eine ausgeprägte Neigung zu derartigen dialektischen Kaspereien habe. Das habe ich nur Ihnen zuliebe getan, lieber Herr Horst Evers, ick hoffe jetz aba sehr stark, dass se tüschtisch stolz uff mir sind.

Ich habe Berlin gerade noch so vor dem 9.11. verlassen, weil ich definitiv keine Lust hatte, von überlebensgroßen Dominosteinen erschlagen zu werden oder beim Shoppen von Frau Cl.inton oder Herrn Wa.lesa angerempelt zu werden.

Trotzdem, ich komme gerne wieder, Berlin, Du raues Biest! Als Souvenir habe ich mir ein paar Schnupfenviren mitgenommen, ich hoffe Du kannst das verschmerzen.

Comments (1)

[...] Dickes B [...]

Write a comment